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Nichts ist hier unmöglich,

aber wenig wahrscheinlich

 

denn

es gibt viele hohe Berge, die

man bezwingen kann und muss.

Mammutträume

Von Claudia Kastl

Den ganzen Tag schleppte er sich so dahin, die Wut, die anfangs seine Schritte bergauf beflügelte, war längst dahin und einem Gefühl der Verzweiflung gewichen. Dazu hämmerte der Kopf als wollte er gleich zerspringen. Langsam kam seine Erinnerung wieder. Wie konnte es nur soweit kommen? Unfreiwillig, unfreundlich und laut war sein Fortgehen. Lange rannten und zeterten die Frauen hinter ihm her, sie warfen sogar mit Steinen nach ihm. Wie gut, dass ihn in letzter Zeit außer dem Schamanen keiner mehr berühren wollte. So konnte er nachts seinen Köcher mit den Pfeilen und seinen Bogen umgeschnallt tragen, das gab ihm ein Mindestmaß an Sicherheit vor der Meute.

Keiner verstand ihn, keiner begriff seine verzweifelte Wut über die Dämonen, die unerträglich in seinem Kopf kreisten. Sie ließen ihn heulen und schlugen unablässig gegen seine Schädeldecke. Noch vor dem letzten Mond besuchte ihn der Schamane, bestrich sein Gesicht mit Asche und Talg und flößte ihm bitteren vergorenen Pflanzensaft ein. Daraufhin verfiel er in einen unruhigen Schlaf. Im Traum griffen viele Hände nach ihm und zerrten an ihm bis er schweißgebadet und stöhnend erwachte. Ängstlich beäugten ihn , aus gebührendem Abstand, ein paar Kinder. Ein Halbwüchsiger spreizte die Lippen mit den Fingern und streckte die Zunge heraus. Da spürte er seine Kräfte wiederkehren Wie ein Tier wollte er sich wehren. Wild erhob er sich und stürzte auf die entsetzten Kinder zu, die sich wieselflink in die Hütten zurückzogen. Dafür stürmten die Mütter schreiend und mit Stöcken bewehrt hervor. Er packte den Fellsack mit Getreide, der neben ihm stand und schleuderte ihn den Frauen entgegen. Und dann rannte und stolperte er durch dichtes Unterholz bis ihn die Kräfte verließen. Immer weiter trieb es ihn den Berg hinauf , bis er nichts mehr hörte. Erschöpft fiel er auf einer Lichtung ins taunasse Gras und spürte zum Hämmern im Kopf jetzt auch das wilde Pochen seines Herzens und einen stechenden Schmerz in der Schulter. Er streifte mit den Händen Tau aus dem Gras und kühlte sein schweissnasses Gesicht. Dann fingerte er an seiner Kleidung entlang und fühlte den Beutel an seiner Hüfte neben dem Köcher. Da ist das Getreide das er stets bei sich trug. Damit konnte er jetzt den schlimmsten Hunger stillen. Mit den Händen kämmte er noch Tau aus dem Gras und leckte ihn gierig auf. Zurückgehen konnte er nicht. Man würde ihn wie ein Tier in einen Holzverschlag sperren und jemand müßte ihn bewachen.aufstieg

Was die weißen Kuppen verheißen konnte er nur ahnen. Erinnerungen an einen zerzausten, müden, in dickes Fell gehüllten Mann kamen in ihm hoch. Eines Tages stand er vor den Hütten und bettelte. Er zeigte mit gutturalen Lauten auf die weißen Kuppen. Von dort mußte er kommen. Er zog auch ein kleines glänzendes Gebilde unter dem Fell hervor. Niemand verstand ihn und der Mann zog weiter.

Er wußte nicht, ob schon jemand auf diesen Höhen gejagt hatte, ihm waren sie vollkommen fremd, obwohl er schon viele Monde zählte und trotz der Dämonen im Kopf sehr ausdauernd und kräftig war. Noch war er keinem Tier begegnet aber der immer dichter werdende Wald zeigte sehr deutliche Spuren.

Mühsam kämpfte er sich an den Tierpfaden empor. Es musste um die Tagesmitte sein, die Sonne stand hoch und wärmte.

Ab und zu erfasste ihn ein leichter Schwindel aber die Beine trugen ihn gut.

Allmählich senkte sich die Sonne tiefer, die Vegetation wurde spärlicher und ging in niedriges Buschwerk über. Ein kalter Hauch wehte jetzt von den weißen Kuppen, aber sein Fell schützte ihn und darunter trug er noch grob gewebte Tücher. Dankbar blickte er auf die fellumwickelten mit Tiersehnen straff gebundenen Beine. Höchstens seine Arme froren ein wenig, aber die konnte er ja unter das Fell schieben.

Die größte Sorge bereitete ihm die dicke Wolke, die sich jetzt doch schon deutlich über die weißen Kuppen schob und die Sonne bald bedecken würde. Im Tal bedeutet das Regen, was ihn hier oben erwartete, konnte kaum besser sein.

Doch jetzt gab es erst recht kein zurück. Zumindest das Gehen fiel hier nicht so schwer wie im dichten Unterholz und wenn er immer die Kerbe zwischen den Kuppen ansteuerte, hatte er wenigstens ein Ziel.

Hunger begann in seinen Eingeweiden zu nagen, den Darm hatte er längst entleert und die paar Körner machten nicht mehr satt. Auch stellte er mit Grauen fest, dass die weiße Decke, die sich nun über alles breitete ihn schon erreicht hatte. Wie sollte man da ein Tier jagen? Gab es doch selbst für Tiere weder Nahrung noch Unterschlupf.

Unangenehm berührten seine Füße den kalten , nassen Schnee. Zur Taufeuchtigkeit an den Fellen kam nun auch die nasse Kälte. Die Sonne war längst hinter den Wolken und nun auch hinter den Bergen verschwunden und Wind kam auf. Aus den Augenwinkeln bemerkte er jetzt eine leichte Bewegung. Etwas kleines, weißes auf zwei Beinen scharrte im Schnee. So etwas hatte er noch nie gesehen. Es erinnerte ihn an einen großen Vogel. Hatten sie nicht als Kinder mit einem Fellsack den Vögeln nachgestellt, wenn sie gar zu eifrig verlorenes Korn aufpickten? Vorsichtig bückte er sich und hoffte dass das Tier näherkam. Leichter Schwindel überkam ihn und zwischen den Beinen spürte er den kalten  Luftzug auf den ungeschützten Hautstellen. Langsam legte er ein paar Körner auf den Schnee. Der weiße Vogel verlor die Scheu und kam neugierig näher. Noch ein kleines Stück und er könnte ihn blitzschnell mit den Händen greifen. Schon spürte er , wie der Schwindel seine Sinne wieder trübte. Übelkeit überfiel ihn und er sank kraftlos vornüber.